
Ein jeder trägt seine Mutter und seinen Vater in sich, dies kann man nicht von der Hand weisen. Es ist allerdings manchmal ratsam, sich von ihnen zu lösen.
Die Kindheit ist für ein jeden eine sehr prägende Zeit, da sind sich auch Psychologen einig. Wieso ist diese Zeit so prägend? Dies ist die wichtigste Zeit in unserem Leben um zu lernen, wie das Leben funktioniert, wie wir lernen unsere eigene Identität auszubilden. Wichtig für unsere Entwicklung ist, wie wir von unseren Eltern behandelt wurden, da sie ein prägendes Vorbild sind.
Haben sie uns in unserer Entwicklung immer bestärkt oder haben sie mit regelmässigen Sprüchen wie: „Du bist zu nichts zu gebrauchen“ oder „Du bist zu dumm dafür“, zu hören bekommen? Auch wenn sie uns geliebt haben – leider haben wir unserer Kindheit nicht nur gute Erfahrungen machen müssen, egal mit welchem Elternteil.
Die inneren Eltern kann man nur schwer loslassen
Die Erfahrungen und Prägungen, die man in seiner Kindheit mit den Eltern gemacht hat, beeinflussen uns später auch als Erwachsene in unseren Entscheidungen und Handlungen. Negative Erlebnisse können uns über Jahre hinweg belasten und als Traumata verfolgen.
Die Begründerin der EMDR-Traumatherapie Francine Shapiro unterscheidet zwischen einem Big-T-Trauma und einem Small-T-Trauma. Ein Big-T-Trauma bezieht sich auf einschneidende, schlimme Erfahrungen in der Kindheit, wie Missbrauch oder Gewalt. Das Small-T-Trauma hingegen befasst sich mit „kleinen Verletzungen“, wie verletzende Worte oder abwertende Sprüche, die wir immer wieder zu hören bekamen. Hier sorgt vor allem die Wiederholung dafür, dass wir im späteren Leben immer noch davon beeinflusst werden. Zudem können wir auch unter einem Verlassenheitstrauma leiden – dies könnte sein, wenn Vater oder Mutter zu wenig Zeit für uns hatten.
Es ist genau wie früher in unserem Innern
Was ist das innere Kind? In unserem inneren Kind werden all die vergangenen Emotionen, Gefühle und Erfahrungen aus unserer Kindheit gespeichert. Das innere Kind steht auch im Erwachsenenalter mit den inneren Eltern immer noch in Verbindung – und zwar genau so, wie es sich auch in unserer Kindheit der Fall war. Auch wenn es in Kindheitstagen häufig zu Streitereien mit den Eltern kam und man sich jetzt wieder gut versteht, bleibt immer eine Verbindung bestehen. Um das eigene Seelenleben wieder in Balance zu bringen, sollte man die inneren Teilpersönlichkeiten miteinander versöhnen.
Sich mit den eigenen inneren Eltern aussöhnen – Die Übung
Folgende Übung konnte dabei hilfreich sein: Siehe deine Eltern mit deinen Kinderaugen und schreibe ihnen einen Brief. Was würdest du ihnen schreiben? Was hat dich gekränkt, was hat dir gefehlt, was hat dich belastet und was hättest du dir gewünscht. Erwähne in deinem Brief wie du dich jedesmal gefühlt hast und was es bei dir ausgelöst hat.
Danach wechselst du die Perspektive und betrachtest deine Eltern aus der Erwachsenenperspektive. In welcher Situation befanden sich deine Eltern damals? Welche eigenen Kindheitserfahrungen mussten deine Eltern machen? Welche Ängste und Sorgen belasteten die Eltern?
Wenn man dies getan hat, ist es ratsam ein Resümee zu ziehen. Welche Gefühle überschneiden sich mit deinen und die deiner Eltern? In welchen Situationen treten gleiche Emotionen oder Gefühle bei dir und deinen Eltern auf?
Nun schreibe einen weiteren Brief entweder an beide Eltern oder nur an den Elternteil wo man am meisten schlechte Erinnerungen hatte und beginne den Brief mit: „Liebe Mama/lieber Papa, seit dem letzten Brief habe ich erkannt, dass …“.
Lasse jeden einzelnen Brief nachwirken, und sie, was mit dir geschieht. Achte auf deine Emotionen und Gefühle.
Was geschieht jetzt?
Bei dieser Übung geht es nicht darum, die Dinge zu bewerten oder Vater/Mutter zu vergeben. Es darum zu Erkennen, was die eigenen Eltern für Personen sind oder waren. Dies hilft oft schon, um die inneren Eltern loszulassen und sich endlich aus ihren Fängen zu befreien.
Was geschieht mit den Briefen?
Die Briefe sind für dich bestimmt. Mit diesen Briefen fand ein Prozess statt. Entweder werden sie gut verwahrt um sich ab und an wieder daran zu erinnern oder sie werden verbrannt. Diese Entscheidung trifft jeder selbst. Auch das Übergeben ins Meer in Form einer Flaschenpost ist hilfreich. Wichtig dabei ist: Habe ein gutes und befreiendes Gefühl dabei.
Aus unserem kleine Universum
Wir werden in der Kindheit geprägt in allen Bereichen: Gefühle, Denk- und Verhaltensmuster. Diese Muster bilden das Gerüst, was wir noch als Erwachsener weiterführen oder uns stark beeinträchtigen. Muster beeinflussen, wir uns selbst sehen und zu uns stehen, wie gehen wir mit anderem Menschen um und auf sie zu. Welche berufliche Laufbahn schlagen wir ein und welches Lebensgefühl begleitet uns, zudem treffen wir Entscheidungen aufgrund von erlernen Mustern.
Die wichtigsten Menschen für die prägende Zeit waren natürlich unsere Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen. Sie waren sozusagen die ersten „Götter in unserem kleinen Universum“. Sie zeigten und erklärten uns die Welt um uns selbst einmal darin zurechtzufinden. Sie waren voller Erfahrungen und selbst geprägten Mustern. Als Kind ist man völlig auf sie angewiesen und vertraut ihnen. Ohne sie, würden wir nicht lange überleben. Deshalb ist die Prägung durch die Eltern so machtvoll.
Durch die Erfahrungen mit unseren Eltern lernen wir, was wir für ein Mensch sind. Eventuell mit diesen Sätzen: „Du bist stinkend faul, räume endlich dein Zimmer auf, du bist unordentlich, mache deine Hausaufgaben ordentlich“. Durch die permanente Wiederholung dieser Sätze bildet sich automatisch unsere Identität. Dann verfällt man irgendwann in die immer wieder genannte Rolle, des „Stinkendfaulend“, oder „ich bin sowieso zu blöd“. Diese Sätze prägen die Kindheit. In die andere Richtung geht dies natürlich auch: „Ich bin stolz auf dich, du hast Talent, du bist sehr musikalisch oder kreativ“.
Grosse Einschnitte in unserm Selbstbild
Die Big-T-Traumata dazu gehören Kindesmissbrauch, Gewalt, Vergewaltigung usw. haben eine stark traumatisierende Wirkung und hinterlassen im Erwachsenenleben starke Narben. Dies versteht sich von selbst.
Das Big-T-Traumata beschreibt die oben genannten besonders schweren traumatischen Erlebnissen. Das Small-T-Traumata bezieht sich auf die zahlreichen seelischen Klein- und Kleinstverletzungen, die wir im Laufe unseres Lebens erleiden. Die darin enthaltende Wiederholung solcher ähnlicher Verletzungen hat die traumatische Wirkung.
Das Small-T-Traumata ist besonders tückisch, da jede weitere Wiederholung wie eine Bestätigung des vorangegangenen wirkt. Die Glaubenssätze, die man durch solche Traumata bildet, schienen sich damit immer wieder aufs neue zu bestätigen und man glaubt irgendwann daran. Man bezieht die Erlebnisse auf sich und bildet eine Identität daraus. So kommt man schnell zu dem Schluss, dass es wohl immer etwas mit uns zu tun hat oder das mit uns etwas nicht stimmt, sonst würde man nicht immer die ähnlichen oder sogar die selben Dinge immer und immer wieder erleben.
Hier sind besonders die wiederholenden Beschämungen, die andauernden negativen Botschaften unserer Eltern, ständige Konflikte innerhalb der Familie oder der Abwertung unserer Person. Diese emotionalen Stiche machen es unmöglich sich dagegen zu wehren und auf die Dauer summiert sich das Ganze. Jedoch prägt es immer unser Selbstbild.
Man bedenke, dass es nicht nur die aktiven Handlungen sind, die in der Kindheit schaden können. Eine weitere Kategorie ist die „Verlassenheitstraumatisierung“. Dieses Trauma entsteht, wenn nichts getan wurde, als etwas hätte getan werden sollen.
Darunter ist zu verstehen, wenn Eltern ihre Kinder aus Zeitgründen vernachlässigen, sich nicht um sie kümmern, ihre emotionalen Bedürfnisse ignorieren, sie sich selbst überlassen, sie nicht darin begrenzen, die Probleme der Eltern mittragen zu wollen, ihren Kindern nicht das Gefühl gegeben zu haben, wichtig zu sein, usw. hat dies ebenfalls eine starke Wirkung auf die Kinderseele.

Was sind die inneren Eltern?
Das Multimind-Konzept nach Robert Ornstein 1989, Multimind wird die menschliche Psyche in einzelne Fragmente aufgeteilt. Die Persönlichkeit eines Menschen setzt sich aus verschiedenen Teilpersönlichkeiten zusammen. Diese haben eigene Wünsche, Ängste, Bedürfnisse etc. und stehen mit anderen Teilpersönlichkeiten in Beziehung. So können sie aneinander vorbei leben, sich gegenseitig stützen oder miteinander in Konflikte geraten.
Dies hat nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit im krankhaften Sinne zu tun. Es geht hierbei um ganz natürliche Vorgänge, wie sie in jedem gesunden Menschen vorkommen. Man bekommt normalerweise von der inneren Dynamik nur die Auswirkungen zu spüren, ohne den Prozess bewusst zu verfolgen.
Die Persönlichkeitsanteile in uns werden ebenso durch die Erfahrung mit unserer Umwelt geprägt. Indem das Erlebte unserer realen Familie in uns abbildet, erschafft man deren „lebendes“ Hologramm in uns: Unsere inneren Eltern.
Es spielt sich auch heute noch eine gewisse innere Beziehungsdynamik zwischen unseren inneren Eltern und unserem inneren Kind ab, so, wie man dies früher mit seinen realen Eltern erlebt hat. So ist es in uns noch genau so, wie wir es früher um uns herum hatten. Persönlichkeitsteile entwickeln sich nämlich nur sehr wenig von selbst weiter.
Persönlichkeitsanteile bleiben relativ unbeeindruckt von äusseren Entwicklungen. Auch wenn sich vielleicht das Verhältnis zu den realen Eltern in der Zwischenzeit deutlich verbessert/verschlimmert hat, herrschen innerhalb unserer „inneren Familie“ noch dieselben Spannungen wie früher.
Die Aussöhnung mit den inneren Eltern hat mit den realen Eltern nichts zu tun. Es ist dabei nicht wichtig, welches Verhältnis wir heute zu ihnen haben. Selbst ob sie noch leben oder bereits gegangen sind, spielt für diese Art von „Seelenarbeit“ keine Rolle, denn wir arbeiten ausschliesslich mit dem inneren Bild unserer Eltern. Einem Bild, das wirkt.
Häufig kann der Fall auch andersherum liegen. Dann leidet man an den emotionalen Verletzungen, die wir durch unsere Handlungen oder Unterlassungen unseren Eltern zugefügt haben. Hier entstehen Schuldgefühle. Besonders schlimm kann es werden, wenn die Eltern sterben, ohne dass jemals eine Aussprache stattgefunden hat. Auch hier ist es möglich, mit den inneren Eltern zu arbeiten und ihnen stellvertretend zu sagen, was wir unseren richtigen Eltern nicht mehr sagen konnten. So fällt es uns später leichter, Frieden mit uns selbst zu schliessen und uns zu vergeben.
Um Struktur und Ordnung in seinem Innenleben zu erhalten, sollte man die verschiedenen Teile der Persönlichkeit miteinander aussöhnen und einer gemeinsamen Führung unterstellen. So übernimmt man wieder die Kontrolle über sein Leben und lässt alte Muster hinter sich. Man schliesst Frieden mit der Vergangenheit, mit der eigenen Kindheit und den inneren Eltern.
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.